pulsprivat | Interview pulsprivat: Wie entsteht eine Pornografie- Nutzungsstörung? Rudolf Stark: Von über 300 ausführlichen Beratungsge- sprächen, die ich geführt habe, fällt mir spontan genau ein Fall ein, bei dem die Nutzung nicht in der Jugend angefangen hatte. Das Modell, das wir entwickelt ha- ben, geht von folgender Dynamik aus: In der Pubertät wird Pornografie zu einer sehr effektiven Methode der Emotionsregulation. Der 14-Jährige, der von der Schule kommt, frustriert ist und ins Internet geht – dort kann er alles um sich herum vergessen. Wir sprechen von Eskapismus. Dann ist die entscheidende Frage, wie sich das weiterentwickelt, ob es bei Episoden bleibt und dann zum Beispiel die normale Entwicklung einsetzt und man auch partnerschaftliche Sexualität kennen- lernt und dann eben Pornos vielleicht viel weniger wichtig werden. pulsprivat: Und wann kippt der Konsum in eine Störung? Rudolf Stark: Wenn sich das Muster dauerhaft verfestigt – also: Immer wenn ich mich einsam fühle, immer wenn ich Frust habe, öffne ich eine Pornoseite – dann lernt das Gehirn genau das. Wenn dann irgendwann die negativen Konsequenzen spürbar werden und die Betroffenen merken, dass sie trotz guter Vorsätze nicht aufhören können, ist die höchste Eskalations stufe erreicht. pulsprivat: Empfinden die Konsumenten noch Lust, wenn sie so viele Pornos anschauen? Rudolf Stark: Aus den Erzählungen von Betroffenen kenne ich das so: Wenn jemand eben wirklich eine sehr ausgeprägte Nutzung hat, dann kann es sein, dass mehrfach am Tag eine Session stattfindet, wo bis zum Orgasmus masturbiert wird. Und eigentlich wird dann gar keine große Lust mehr empfunden. Hat das aber dazu geführt, dass ich andere Ziele nicht erreicht habe, wäre das ja genau wieder eine Auslösesituation, Pornos zu nutzen. Damit regele ich meine Gefühle. Weil aber Lust gar nicht mehr richtig da ist, wird die Situation schwieriger. Also muss ich dann möglicherweise här- teres Material verwenden, um überhaupt noch mal auf ein Erregungsniveau zu kommen. pulsprivat: Gesellen sich zur Pornografie-Nutzungs- störung weitere Krankheitsbilder? Rudolf Stark: Ja, etwa 60 Prozent weisen auch andere klinische Störungsbilder auf. Das sind oft Depressio- nen, Angst und auch andere Suchterkrankungen. Um an unserem Projekt PornLoS teilnehmen zu können, war es wichtig, dass die Pornografie-Nutzungsstörung die primäre Störung ist und die Depression eher eine Folge davon ist. pulsprivat: Was unterscheidet jemanden, der regel- mäßig Pornos schaut ohne klinische Störung, von jemandem mit dieser Diagnose? Rudolf Stark: Unsere neurowissenschaftlichen Befun- de zeigen, dass die Unterschiede bei der Verarbeitung sexueller Reize zwischen pathologischen und gelegent- lichen Nutzern kaum messbar sind. Sexuelle Reize sind für Menschen generell extrem attraktive Stimuli. Der Unterschied liegt nicht in der Lust selbst, sondern in der Funktion und der Frequenz. pulsprivat: Und wie wirkt sich pathologischer Porno- konsum auf Partnerschaften aus? Rudolf Stark: In unserer Stichprobe sind 60 Prozent der Betroffenen in einer Beziehung. Probleme sind sehr häufig, weil sich durch intensiven Konsum oft spezifische Fetische herausbilden, die sich in der Reali- tät schwer umsetzen lassen. Pornografie ist außerdem extrem egozentrisch: Ich bestimme, was ich sehe, wie lange, wie ich mich stimuliere. Partnerschaftliche Sexualität ist das genaue Gegenteil – sie erfordert Aushandlung, Kompromisse, Empathie. pulsprivat: Spiegelt sich der zwanghafte Konsum auch körperlich? Rudolf Stark: Ja, durchaus. Viele Betroffene berichten, dass die partnerschaftliche Stimulation für sie irgend- wann nicht mehr ausreicht – weil sie von der Mastur- bation her eine ganz andere, optimierte Stimulation gewohnt sind. Das schlägt sich dann in Erektions- oder Ejakulationsstörungen nieder. Das belastet Beziehun- gen enorm, und es kann so weit gehen, dass Betroffene sagen: Ich möchte in der Beziehung bleiben, aber Sexu- alität bleibt bitte außen vor. pulsprivat: Wird der Konsum in Partnerschaften thematisiert oder verschweigen es die meisten? Rudolf Stark: Zunächst wird es fast immer stark tabuisiert und verheimlicht. Viele, die zu uns kamen, wurden von ihren Partnerinnen entdeckt oder haben es irgendwann gebeichtet. Manchmal stehen wir aber auch vor einer anderen Frage: Liegt hier tatsächlich eine pathologische Störung vor – oder bewertet die Partnerin einen Konsum als krankhaft, der es objektiv nicht ist? Auch das hatten wir schon. 11