pulsprivat | Story auf längere Strecken um: 100 Kilo- meter in Biel in der Schweiz, elf Mal schaffte sie das. Seitdem ist sie kreuz und quer in Europa und der Welt unterwegs; sie reist nach Mal- ta, nach Sydney, nach New York, nach Gotha oder nach Bottrop. Und manchmal tut es auch der 100 Kilo- meter lange Megamarsch hier im Rhein-Main-Gebiet, wo sie lebt. Weiterlaufen auch mit Schmerzen „Wenn ich beim Megamarsch in Frankfurt über 100 Kilometer sehe, wie junge Leute schon nach 10 Ki- lometern schwächeln, dann pusht mich das“, erzählt sie. „Die könnten meine Enkel sein – und ich hänge die ab.“ Insbesondere die Männer hat sie auf dem Kieker. Die Männer, sagt sie, würden immer meinen, sie seien etwas Besseres. Nun will Ursula Dinges sie eines Besseren belehren. Aber ist das Ansporn genug bei Kilometer 30, 50 oder 120? Wenn die Knie schmerzen, die Muskeln müde werden, die Augen schwer? „Wenn Sie anfangen zu grübeln, gehen Sie keinen Schritt mehr“, sagt Dinges. Die Gedanken an Schmerz oder Erschöpfung blende sie komplett aus. „Ich will ins Ziel und fertig.“ Dieser Wille und diese Freude am Laufen bekam auch ein leitender Arzt zu spüren. Ursula Dinges erkrankte zwei Mal an Brustkrebs, mit 81 Jahren zum zweiten Mal. Nur wenige Wochen vor einem 80-Kilometer Lauf sollte sie operiert werden. Zum Arzt sagte sie: „Das geht nicht. Da muss ich zu einem Lauf.“ Und der Arzt erwiderte: „Nein, ich operiere Sie jetzt. Ich laufe auch nur bis zu meinem Auto. Sie müssen auch nicht laufen“, erzählt sie. Ärgern habe der sie wollen, und noch heute kabbelt sie sich mit ihm darüber. Und auch in der Reha wollte sie eine Ärztin auf Mini-Distanzen beschränken. „Die Gruppe sollte sich zu einem Gang an der frischen Luft treffen, mit Krücken und Rollator kamen sie an“, erinnert sie sich. Nach 200 Metern hieß es: „So, wir gehen zurück.“ „Das können Sie mit mir nicht machen, habe ich der Ärztin gesagt“, erzählt Ursula Dinges und lacht dabei schelmisch und immer noch fassungslos. Einsam durch die Nacht? Einer, der in der Dunkelheit auf sie wartet und nach ihr schaut, bis der Morgen graut und auch noch da- nach, ist Thomas Eceterski. Früher lief auch er, wenngleich nicht solch lange Strecken. Inzwischen sitzt er im Auto und vertreibt sich die Zeit mit Geocaching. Thomas war erst der Freund des Mannes, bald ihr gemeinsamer Freund. Viele Jahre wanderte das Paar an den Wochen- enden gemeinsam im Rhein-Main- Gebiet mal 20, mal 40 Kilometer zusammen. Dann starb der Mann. Der Freund aber blieb. Und wenn die beiden nicht auf Tour sind, wandern sie noch heute an den Wochenenden. Und das ist sicher auch eine Form von Training für Ursula Dinges. Ansonsten ist es ihr kleiner Hügel hinter ihrem Reihen- häuschen, der die Richtung weist: „Wenn ich den hochschaffe, ohne zu schnaufen“, sagt sie, „dann weiß ich, dass ich fit genug bin“. In ihrer Altersklasse hat Ursu- la Dinges abgeräumt, was man so abräumen kann: Sie hält den Weltrekord im 24-Stunden-Lauf für die Altersklassen 80 und 85, im 48-Stunden-Lauf, im 6-Stunden- Lauf und ein Mal im 100-Mei- len-Lauf. Diese Erfolge sind gut dokumentiert: Ihr Wohnzimmer zieren unzählige Urkunden, Pokale und Medaillen. Ihre Bestleistungen finden sich aber auch in der Liste der IAU Records, der International Association of Ultrarunners. Beson- ders schätzt Ursula Dinges die Me- daille des Berliner Mauerweglaufs. Hier laufen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf dem ehemali- gen Grenzstreifen, das sind mehr als 161 Kilometer rund um das westliche Berlin. Die Stimmung sei dort besonders schön, schwärmt sie. Beim Mauerweglauf hatte sie auch schon eine Radbegleiterin, die fährt voraus, hat Getränke dabei und behält die Uhr im Auge, denn wer zu langsam ist, wird disqua- lifiziert. Auch das sei ihr schon passiert, berichtet sie murrend. Im Dezember ging ein großer Wunsch von ihr in Erfüllung: Ge- meinsam mit Thomas flog sie nach Honolulu, um neben 32.000 Läu- ferinnen und Läufern an einem der größten Marathons der Welt teilzunehmen. Mit einer Zeit von 7:58:42 lief Ursula ins Ziel. Die Hawaiianerin Mathea Allansmith beendete den Marathon 2022 im Alter von 92 Jahren, bislang hält sie damit den Guinness World Record. Ihr den abzuluchsen, hat Ursula Dinges ja noch etwas Zeit. 13