pulsprivat | Ratgeber sein, wie etwa ein schwerer Unfall, aber ebenso positiv, wie etwa die Geburt eines Kindes. In beiden Fällen aber verlangt das Lebens ereignis Menschen etwas ab: sich nämlich an die veränderten Bedingungen anzupassen. Und für Rentnerinnen und Rent- ner bedeutet das: Plötzlich kann man tun und lassen, was man will. Niemand ärgert einen, aber niemand klopft einem auch auf die Schulter. Und das bis zum Ende. Und so bricht nicht nur ein Rahmen, sondern brechen auch Ziele weg. Das muss nicht proble- matisch sein. „Es gibt ja ein Altern ohne Depressionen und psychi- sche Erkrankungen“, sagt Gürtler. Aber auch wenn Menschen sehr unterschiedlich seien, fänden sich doch oft Überschneidungen. „So erfahren viele Menschen nicht nur einen Bedeutungsverlust auf der persönlichen Ebene, sondern auch auf der gesellschaftlichen“, erklärt er. Man nehme nur die aktuelle Rentendiskussion und den zuneh- mend fehlenden Respekt vorm Alter beziehungsweise der Lebens- leistung alter Menschen, sagt er. Hinzu komme: Viele Kompetenzen, die einst gebraucht wurden, seien nicht mehr gefragt. „Kopfrechnen und Schönschreiben beispiels- weise“, bemerkt Gürtler trocken. Auch diesen Bedeutungsverlust gelte es zu berücksichtigen. Stressig, aber bedeu- tungsvoll: der alte Job „In meinem Freundeskreis fragen wir uns immer mal gegenseitig: Wenn dich jetzt ein Anruf ereilen würde von deinem früheren Chef und man würde dich fragen, ob du für ein paar Stunden zurück- kommen könntest, würdest du es tun?“, erzählt Gürtler. Und dann gebe es doch viele, die dazu neigen würden, ja zu sagen. Doch ob einen dieser Bedeutungs- verlust stärker trifft oder weniger stark, hängt auch mit der Persön- lichkeit zusammen. „Wenn jemand schon immer sehr ehrgeizig war, ist es sicher schwieriger, den Schreib- tisch links liegen zu lassen. Andere dagegen können es sich auch mal gut auf dem Sofa gemütlich machen und dem Nichtstun frönen.“ Und die, die das können, sind dann im Vorteil. Auch wenn Gürtler der An- sicht ist, dass man den Bedeutungs- verlust nicht gänzlich kompensieren kann, hat er doch ein Rezept dage- gen: die ehrenamtliche Arbeit. „Ich beispielsweise habe noch beruflich bedingt die Alzheimer-Gesellschaft in Regensburg mitbegründet, und dort bin ich immer noch aktiv. Hier erlebe ich sehr viel Wertschätzung. Meine Frau ist in der Flüchtlings- hilfe aktiv, und auch das ist eine Möglichkeit, wieder eine Bedeutung für andere Menschen zu spüren“, erklärt der Psychologe. Es müsse na- türlich nichts Soziales sein, für das man sich engagiert, es könne auch im sportlichen oder künstlerischen Bereich liegen, sagt er. Es gebe viele Möglichkeiten. „Man muss schauen, was zu einem passt. Hier kann man viel im Kleinen bewirken.“ Menschen treffen: gut für Körper und Seele Laut Statistischem Bundesamt leb- ten im vergangenen Jahr 26,4 Pro- zent der 65- bis 75-Jährigen allein, in der Altersgruppe der 75- und 85-Jährigen waren es 36,9 Prozent, bei den über 85-Jährigen 56,0 Pro- zent. „Einsamkeit im Alter ist ein großes Problem“, sagt Gürtler. In seinen Augen müsste hier auf politischer Ebene mehr angestoßen werden. „Und auch da ist im Vor- teil, wer einen großen Freundes- kreis hat“, sagt er. Ob ein Mensch aber viele Freunde hat, hängt auch mit seiner Persönlichkeit zusammen: „Menschen, die eher introvertiert sind, haben es natürlich schwerer, Kontakte zu knüpfen“, stellt er fest. Wie wichtig soziale Bindungen für das Gehirn sind, betont auch der US-Neurowissenschaftler Alvaro Pascual-Leone: Soziale Verbundenheit und ein Gefühl von Unterstützung sind demnach zentrale Schutzfak- toren gegen den alters bedingten kognitiven Abbau und eine wichtige Voraussetzung für lebenslange Hirn- gesundheit. Besonders kritisch sei das subjek tive Gefühl, einsam zu sein, da dies mit einem erhöhten Risiko etwa für Demenz verbunden ist. Auch Ziele zu formulieren ist laut Gürtler wesentlich für die Psyche. Welche Ziele das sein könnten, ist individuell sehr unterschiedlich. „Da gibt es kein Patentrezept.“ Eine Idee sei es, zu schauen, was man in der Vergangenheit gerne gemacht hat. „Wer früher ein Instrument gespielt hat, kann hier anknüpfen. Generell ist also die Frage: Was hat mir gut- getan, welchem Hobby könnte ich nachgehen? Und natürlich ist auch eine optimistische Grundhaltung vorteilhaft.“ Der 72-jährige Psycho- loge: „Man muss sich nicht alles an- tun. Ich persönlich kann mir nicht jeden Tag Nachrichten mit Kriegen und Talkshows ansehen. Das tut mir nicht gut.“ Das heißt, es gilt, sich die Frage zu beantworten: Was tut mir gut und was lasse ich weg? 3 Tipps von Klaus Gürtler 1 Nicht allein bleiben. Sich ehrenamtlich engagieren, Hobbys nachgehen. 2 Offenbleiben für die Welt, für Menschen, für Themen. 3 Bewegung, Bewegung, Bewegung. 19