pulsprivat | Selbstwert Herr Hanning, woher kommt ein geringer Selbstwert? Selbstwertprobleme entstehen häufig dann, wenn Menschen in der Lebensgeschichte schlechte Erfah- rungen mit den Bedürfnissen nach Bindung, Kompetenz und Selbstbe- stimmung machen – wenn ich mich also häufig abgelehnt fühle, un- geliebt, nicht zugehörig; wenn ich Misserfolge erlebe, scheitere und mich überfordert fühle; und wenn ich den Eindruck gewinne, dass ich keine eigenen Entscheidungen treffen darf. In der Folge betrachten Menschen sich als nicht liebens- wert, inkompetent und erfolglos oder als Spielball der Umstände. Zusätzlich spielen gelernte Maßstä- be eine entscheidende Rolle: Was lerne ich darüber, wie Menschen sein müssen, um als wertvoll zu gel- ten? Um geliebt zu werden, um als erfolgreich anerkannt zu werden? Und kann ich diese Maßstäbe erfül- len, oder fühle ich mich im Abgleich damit ständig unzulänglich? Gibt es Menschen, die unser Selbstwertgefühl prägen? Als Erstes denkt man natürlich an die Eltern und andere enge Bezugs- personen – von ihnen bekommen wir wichtige Rückmeldungen darü- ber, wie wir sind – oder besser: wie sie uns sehen – und wie wir sein sollen. Tatsächlich mischen sich im Selbstbewertungssystem zahlreiche Einflüsse – Eltern, Lehrer*innen, (soziale) Medien, religiöse und gesellschaftliche Wertmaßstäbe; ge- rade ab den Teenagerjahren spielen Gleichaltrige eine wichtige Rolle. Welche Rolle spielen Vorbilder, also beispielsweise dafür, ob ich mich attraktiv fühle oder ob ich das Thema Diät auf meiner Agenda habe? Spielen Eltern hier eine Rolle? Die Frage ist: Was lerne ich darü- ber, wie Menschen angeblich sein sollen? Schädliche Selbstwertungs- regeln wie „Ich muss dünn sein, um gemocht zu werden“ können auch unbeabsichtigt vermittelt werden – von Eltern ebenso wie von ande- ren Vorbildern. Vielleicht erlebe ich, dass ein Elternteil sich selbst aufgrund der Körperform abwertet („Auf dem Foto sehe ich ja aus wie ein Fettkloß!“) oder über andere urteilt („Wie sieht der denn aus?“) – und schon kann ich eine solche Selbstbewertungsregel verinnerli- chen, obwohl beispielsweise meine Eltern das vielleicht gar nicht ver- mitteln wollten. Hat es einen positiven Einfluss auf meinen Selbstwert, wenn ich Ziele erreiche? Unser Bedürfnis nach Kompetenz kann eine Quelle für einen gesun- den Selbstwert sein, und wenn ich selbstgesetzte Ziele erreiche, kann ich dadurch mein Kompetenzerle- ben steigern. Auf der anderen Seite ist es sehr riskant, meinen Selbst- wert vom Erreichen solcher Ziele abhängig zu machen: „Nur, wenn ich Erfolg habe, bin ich in Ordnung“ oder „Nur, wenn ich das schaffe, bin ich okay“ – das ist eine gefährli- che Konstellation, dann hängt mein Selbstwert am seidenen Faden, und beim Versuch, die Ziele zu errei- chen, wird Angst mein Begleiter sein. Was kann man tun, um seinen Selbstwert zu verbessern? Ein erster und ganz entscheidender Schritt kann darin bestehen zu er- kennen, dass all unsere Regeln dar- über, was einen wertvollen Men- schen ausmacht, nur gelernt und konstruiert sind. Wenn ich denke, dass Menschen schlank, sportlich, reich, hilfsbereit, mächtig oder was auch immer sein müssen – dann habe ich das irgendwie in meiner Lebensgeschichte aufgeschnappt und die Regeln in mich aufgenom- men. Wäre ich in einer anderen Familie oder in einem anderen Kulturkreis aufgewachsen, wür- de ich das vielleicht ganz anders sehen. Diese Erkenntnis kann dabei helfen, sich von fremden, quälen- den Regeln zu befreien, weniger zu denken: „Wie muss ich sein?“, und sich mehr nach der Frage zu richten: „Wie will ich sein?“ Um das Selbstwerterleben im Alltag zu fördern, können Sie deshalb diese Übungen versuchen: Überlegen Sie: Was könnte ich an mir mögen? Welche Eigenschaften und Fähigkeiten? Was macht mich vielleicht zu einer guten Freun- din / Mutter / Tochter / Mitarbeiterin? Oder Freund / Vater / Sohn / Mitar- beiter? Was könnte ich an meinem Körper mögen? Was würden meine Freunde darüber sagen, was sie an mir mögen? Vielleicht können Sie sogar tatsächlich Freunde und Freundinnen fragen, was sie an Ih- nen mögen und welche Fähigkeiten sie an Ihnen bewundern. Schreiben Sie jeden Tag auf, was gut gelaufen ist: Was war heute schön? Was hat gut geklappt? Legen Sie eine zweite Spalte an und über- legen Sie für jedes notierte Ereignis: Was habe ich dazu beigetragen, dass das heute so gelaufen ist? Welche meiner Eigenschaften und Fähigkeiten habe ich dazu einge- setzt, dass das so passieren konnte? So binden Sie diese positiven Erfah- rungen an Ihr Selbstbild an. Selbstwertprobleme entstehen oft früh in der Lebensgeschichte und sind tief in uns eingegraben. Bei schwerwiegenden Selbstwertpro- blemen kann eine Psychotherapie notwendig und hilfreich sein. psychotherapie-hansaplatz.de/ dipl-psych-sven-hanning/ 13